„Ich dachte, ich habe gar keinen Wert mehr als Mensch.“

Gretchen, cis-weiblich, white

Das erste Mal wurde es mir von meiner Mutter aufgezwungen.
Sie bemerkte, dass ich mich selbst verletzte und Probleme in Richtung Essstörung hatte.
Sie hat mir, ohne dass wir uns groß darüber unterhalten haben, einen Therapeuten vor die Nase gesetzt. Nach zwei, drei Sitzungen hieß es dann gleich direkt: “Wir machen jetzt mal stationären Aufenthalt!” Und obwohl ich mich extrem dagegen gewehrt habe und bat, die
sich deine Probleme anhören und dann versuchen dir einen guten Lebensweg zu bereiten. Ich habe
mich tatsächlich zu Beginn auf die verschiedenen Therapieformen gefreut. Ich habe es als Chance,
als Möglichkeit gesehen.
Die Realität sah dann doch ganz anders aus.erst mal eine Tagesklinik 
zu wählen, weil ich nebenbei zur Schule gehen und mein Leben weiter normal managen wollte, war das für sie gar keine Option. Man hat mir gar keine Möglichkeit gelassen und mich nicht als mündiges Wesen gesehen, sondern als Minderjährige, der man alles aufzwängen kann. Ich glaube, es war etwa kurz vor oder nach meinem 15ten Geburtstag. Am Anfang dachte ich, es wäre so eine Art Internat oder Jugendherberge, wo Menschen sind, die sich deine Probleme anhören und dann versuchen dir einen guten Lebensweg zu bereiten. Ich habe mich tatsächlich zu Beginn auf die verschiedenen Therapieformen gefreut. Ich habe es als Chance, als Möglichkeit gesehen.
Die Realität sah dann doch ganz anders aus.

 

Es war die Hochsommerphase, und ich fand es grauenhaft da zu sein. Ich hatte fast gar keine
Therapie. Einmal die Woche Einzelgespräch, die Gruppentherapie hat fast nie stattgefunden und Kunsttherapie nur sehr selten. Insofern habe ich mich nur zu Tode gelangweilt. Es gab keine strukturierte Therapie. Ich habe dann oft gefragt: Sagen Sie mir doch einfach mal, was
sie so mit mir vorhaben. Was ist denn Ihr Plan und wie wollen Sie mir denn überhaupt hier helfen?
Ich hatte immer den Eindruck, dass sie meinten, Personen würden schon aufgrund der ungünstigen Lage in der Klinik sich bemühen so zu tun als wären sie gesund, sodass sie rauskommen.

Nebel im Kopf

Zuerst war für mich das Schlimmste, dass man mich die ganze Zeit versucht hat unter Druck zu setzen, damit ich Medikamente nehme. Ich hatte von Anfang an eine Abneigung dagegen
verspürt, dass man versucht, mein Hirn mit Drogen zu verändern, ohne dass Menschen das Gehirn überhaupt zu 100% verstanden haben.
Doch es gab immer Kompromisse, die sie eingehen wollten: „Naja, du darfst das Wochenende nach Hause zu deiner Familie, WENN du deine Medikamente nimmst.“ Das Rausgehen war auf jeden Fall ein Anreiz für mich. Meine Mutter ist ein Mensch, der auf alle Autoritätspersonen hört. Sie hat alles unterzeichnet, und somit meine kompletten Rechte an die Ärzt_innen abgetreten. Sie sagten ihr, dass ihre Tochter nicht wieder gesund wird, wenn sie die Medikamente nicht nimmt. So setzteauch sie mich unter Druck: „Versuch es doch wenigstens mal, vielleicht hilft es ja wirklich und die
Familie zerbricht doch sonst wegen dir.“
Nach 6 Wochen tat ich es, denn ich wollte einfach nur weg.
Dann haben sie herum experimentiert: Am Anfang war es Fluoxetin, die ganz schmale Tablette, die man unter die Zunge legt. Davon gab es immer mehr. Dann war es Amitriptylin, dann Haloperidol. Ich habe erst hinterher festgestellt, dass das ein Akutmedikament ist, was eigentlich nur 6 bis 8 Wochen gegeben werden soll, da es zu schweren Schäden führen kann.
Ich hatte extreme Nebenwirkungen. Meine Augen haben sich ständig nach hinten gerollt, weswegen ich dann weitere Tabletten bekommen habe. Es wurden immer mehr.
Das Problem ist: Wenn du einmal angefangen hast, dann bist du ganz benebelt im Kopf.
Ich konnte nicht mehr denken. Ich konnte nicht mal mehr zwischen Pro und Kontra abwägen.
Ich war nicht mehr in der Lage, darüber nachzudenken, dass ich die Medikamente besser absetzten sollte. Es war ein Teufelskreislauf. Mit der Einnahme der Medikamente kam mein Abstieg. Davor hatte ich Probleme, ja. Doch ich war ein einfallsreiches Mädchen und hatte meinen eigenen Kopf. Und ich hatte wenigstens noch Selbstbewusstsein zu der Zeit.

Ein Lichtblick

In der Zeit hatte ich schon Freund_innen gefunden. Wir haben uns zu einer Gruppe
zusammengeschlossen mit Menschen, die verstanden haben was so abgezogen wird, sich aber nicht dagegen wehren konnten. Wir haben versucht, möglichst viel wegzukommen und den Freigang zu nutzen, um nicht mehr wiederzukommen. Wir haben dabei auch versucht uns so ein bisschen gegenseitig zu therapieren. Es war dieser Verband, der da war. Ich hatte das Gefühl: Ok, wenigstens ein paar Leute die sich freuen, wenn ich nach dem Wochenende wieder da bin und nicht nur reine Feindbilder wie es teilweise bei dem Stationspersonal der Fall war. Das war mein Lichtblick.

Ich kann all das sagen, was sie von mir hören

Der Therapeut sagte mir eines Tages, dass ich aufgrund meiner depressiven Verstimmung drei Tage auf dem Stationszimmer verbringen soll. Sie erklärten mir, dass wenn ich die ganze Zeit schlafe, meine Depressionen am Ende weg sein würden. So steckten sie mich auf das Stationszimmer, auf dem man dauerhaft überwacht wurde. Da waren nur ein Bett und ein kleines Fenster, wo die ganze Zeit eine Person durchsehen kann. Ganz oben im Raum: ein kleines Fenster, was du auf Kippe stellen konntest. Das war alles. Es war so trostlos. Also wurde mir alles abgenommen. Radio, Bücher, ich hatte gar keine Sachen mehr. Nur ein Bett
und eine Wasserflasche.
Der erste Tag war super. Ich hatte komplett durchgeschlafen, und es ging mir eigentlich echt gut. Und dann kam der zweite Tag. Da haben die Medikamente schon nicht mehr gewirkt. Ich lag den ganzen Tag wach da. Und dann kam der dritte Tag. Es wurde anstrengend und ich war froh, dass es vorbei ist. Doch der Arzt war nicht da, sagten sie mir, er war krank und das Personal könnte das jetzt nicht einfach so absetzen. Ich musste weiter auf dem Zimmer bleiben. Ich durfte nur rausgehen um die Toilette aufzusuchen, gegessen wurde auch in dem Raum.
Letzten Endes war ich dort eine ganze Woche. Es war grauenhaft.
Und ich dachte mir: das kann doch nicht sein, das können sie mir doch nicht antun, ich habe doch niemanden etwas getan… ich lag dort und habe nur noch gedacht: wie muss ich mich verhalten, dass sie glauben, mir geht es so gut, dass ich hier wegkomme? Ich war minderjährig, ich hatte das Gefühl keine Chance zu haben. Ich kann all das sagen, was sie
von mir hören wollen. Ich kann essen wie sie das von mir erwarten, zunehmen wie sie es von mir erwarten und trotzdem werde ich hier in Isolation eingesperrt. Sie zeigten keine Empathie mit mir. Ich fühlte es nur noch als Bestrafung. Ich war völlig außer mir, ich war nicht mehr ich selbst. Und niemand hat das in irgendeiner Weise ernst genommen.

Du kannst dich nicht wehren

Ich will mich davon distanzieren, Leute per se als böse zu bezeichnen. Doch bei einer Person hatte ich den Eindruck, dass sie es richtig genoss. Sie genoss es, wenn wir litten und wenn sie uns herabwürdigen konnte. Menschen, die Probleme mit ihrem Gewicht hatten, sollten sich beim Wiegen immer umdrehen, das sie ihr eigenen Gewicht nicht sehen und sich somit nicht schlecht fühlen. Sie hatte sich aber einen Spaß daraus gemacht. Sie machte Kommentare, die Aufschluss darauf gaben, ob einen Person ab oder zugenommen hatte. Das ist für Magersüchtige oder bulimische Patient_innen der Graus. Wenn die Person dann noch mal nachgefragt hat, ob sie zugenommen habe, sagte sie nur:“ Na, das darf ich dir leeeeider nicht sagen…“ Es war für manche auch Pflicht am Frühstück teilzunehmen und eine halbe Stunde danach noch im Raum anwesend zu sein. Sie hat am liebsten Aufsicht geführt. Sie wies alle darauf hin, dass da ja noch Krümel auf dem Teller wären, und die doch bitte auch noch gegessen werden sollten. Das war Unsinn, aber wir konnten uns nicht dagegen wehren.
Ob Kritik angenommen wurde, kam stark darauf an wen diese betraf. Wenn die nächsthöhere
Instanz angesprochen wurde, dann war es oft dasselbe: Du bist die psychisch Kranke, wir hören mal was die Stationsleitung sagt und was in den Krankenakten steht. Und dann glaubt dir eh keiner mehr. Was Kritik an der Schule anging wurde es oft schnell geändert, aber in der Klinik internändert sich gar nichts.
Wenn ich mich an die Regeln gehalten habe, durfte ich die Schule besuchen.
Und das war immer schön. Sonst hatte man halt den ganzen Tag nichts zu tun, außer drei Stunden Therapie auf fünf Tage verteilt. Es klingt vielleicht abstrus, aber es war wirklich eine großartige Belohnung, einfach mal rauszukommen. Wir waren glücklich, wenn wir in die Schule durften, an die frische Luft. Aber das hat man uns oft genommen.

Therapie

Mein Therapeut war zu der Zeit der Vater, den ich nie hatte. Und er hat das ausgenutzt. Ich habe erst später als ich mit engen Freundinnen darüber geredet habe gemerkt, dass das nicht normal gewesen ist und dass er das nicht hätte tun sollen. Es waren Dinge, bei denen ich lange ein schlechtes Gefühl hatte, aber mir nicht eingestehen konnte, dass es nicht okay war. Ich hatte die Person immer in Schutz genommen, weil ich zu ihm damals eine sehr enge Bindung hatte.
Er hat mich nach jeder Therapiesitzung umarmt. Er war in der Position, wo er hätte wissen müssen, dass man sowas nicht machen sollte.
Alle Verletzungen in meinen Leben kamen damals von Männern. Und das wusste er.
In einer Sitzung wollte er mich dann provozieren, er wollte mich aus der Reserve locken.
Und dann hat er gefragt ob ich ihm einen blase.
Ich bin ausgerastet. Ich warf ein Glas auf den Boden und rannte raus.
Wie kann er das nur tun? Das war so ein Vertrauensmissbrauch. Er hat sich danach entschuldigt, aber es hat mich jahrelang verfolgt. Ich fühle mich so widerlich bei dem Gedanken daran.

Ich sagte: Ich bin ein mündiger Mensch

Selbe Person, ähnliche Situation die so ekelhaft war: An einem Tag wollte ich nur noch raus, ich hatte einen Klinikkoller und bin raus an die Tür. Ich wurde halt ein bisschen laut und sagte: Ich bin ein mündiger Mensch, ihr könnt mich hier nicht festhalten! Das hier ist ein Gefängnis und das ist nicht in Ordnung, lasst mich gehen!
Das hat natürlich niemand verstanden.
Dann sagten sie: „Wenn Sie sich nicht beruhigen, dann drücken wir auf den roten Knopf. Dann werden Sie fixiert!“ Dann sehen wir mal wer am längeren Hebel sitzt, dachte ich mir.
Das man am Anfang immer denkt, man hätte eine Chance.

Ich habe natürlich verloren.
Aber ich war so voller Medikamente, dass ich es eh nicht wirklich mitbekommen habe. Amnächsten Tag sagte ich was sie hören wollten. Mir wurde gesagt das nun der Therapeut kommen würde, der noch ein Gespräch mit mir führt, dann könnte ich gehen. Ich sagte ihnen das ich super dringend zu Toilette muss. Ich habe sie angebettelt. Dann kam die Bettpfanne. Ich sagte ihnen, dass ich das nicht kann. Und dann kam der Therapeut. Und ich lag da. Es hat einfach niemanden gejuckt, dass ich nackt in diesem Bett lag, auf einer Pfanne und der Arzt sich frei im Raum bewegen konnte und die ganze Zeit von oben herab zu mir sprach.
Ich habe mich so erniedrigt gefühlt. Ich dachte ich habe gar keinen Wert mehr als Mensch.
Das war schlimm. Und egal wie ich im Nachhinein versucht habe es ihnen zu erklären, sie haben es nicht verstanden. Ich wollte, dass sie sich dazu bereit erklären das umgekehrt durchzuspielen, dass sie sich nackt ans Bett fixieren lassen und wir dann schauen wie sie sich dabei fühlen. Darauf hatte sich aber natürlich niemand eingelassen.

Was ich eigentlich gebraucht hätte

Ich hätte einen Einbezug meiner Bedürfnisse gebraucht, die Frage danach was ich mir gewünscht und mir vorgestellt hätte. Dass ich als eigenständiger Mensch anerkannt werde. Nicht nur als psychisch Kranke, der man eine Nummer aufdrücken kann. Dass ich auch das Recht habe einfach ich selbst zu sein, ein Mensch.
Dass man versucht, die tiefgehenden Probleme durchzugehen, anstatt an den Symptomen
herumzupfuschen. Das hat man mir immer ausgeredet und das habe ich nie verstanden. Man wollte nicht wirklich tiefer gehen. Eine Person einfach nur zu zwingen, sich selbst nicht mehr zu verletzten ist vielleicht schön und gut, nur machte das meine Seele aus Selbstschutz.
Denn wenn die Wurzeln alles Übels behandelt werden, dann erübrigt sich der Rest von selbst.
Das wurde aber nie in den Fokus gerückt.